Michael Moritz

Hoffnung auf Zukunft?

Der Zug hält nur kurz in Dholpur. Zwei Minuten bleiben uns, um Gepäck und Bühnenbild aus dem Abteil zu zerren. Jeder von uns trägt Teile einer zerlegten Rikscha: Lenker, Vorderrad, Bretter für die Lade, den Stahlrahmen, die beiden Hinterräder. Vor dem Bahnhof warten zwei Sanitätswagen auf uns. Sie bringen uns vierzig Kilometer über holprige Strassen ans Ziel: Rastriya Military School. Hier dürfen wir zehn Tage lang unser Stück "Fired by Hamlet" proben. Für eine indische Theatergruppe ein Luxus. Allerdings gibt es nichts umsonst. Der Prinzipal der Schule hat mit dem Produzenten des Theaterstücks einen Deal. Ich bin Hauptteil des Deals, erfahre es aber erst vor Ort. Geschmeidig verpackt bekomme ich es serviert: Die Kadetten wären sehr dankbar, wenn ich ihnen morgens täglich eine Stunde Unterricht in "Körpersprache und Kommunikation" erteilen würde. Schliesslich werden hier Führungskräfte ausgebildet, Offiziere. Und die müssten selbstbewusst vor ihren Soldaten stehen können, um ihnen glaubwürdig schmackhaft zu machen, dass es sich lohne, sich in den Kugelhagel zu werfen.

Als ehemaliger Kriegsdienstverweigerer muss ich erst einmal schlucken. Gleichzeitig merke ich aber, wie sehr ich es geniesse, hier ebenfalls wie ein Offizier behandelt zu werden. Während die Mimen zu viert in einem Raum unterkommen und in der Kantine Essen fassen, erhalte ich, der Regisseur, ein Einzelquartier, samt Diener, der mir die Mahlzeiten und Chai aufs Zimmer serviert. Wie leicht fällt es, seine Werte zu verdrängen.

Um 9 Uhr morgens treffe ich vierzig Kadetten auf dem Basketballplatz. Meine körperlichen Übungen beeindrucken sie kaum. Sie sind Sport und Drill gewohnt. Und wenn ich ihnen sage, dass sie aus der Mitte heraus agieren, die Schultern lösen und das Brustbein beweglich halten sollen, sind das böhmische Dörfer. Die Jungs sind vierzehn. Sie interessieren sich nicht für Durchlässigkeit. Sie wollen stärker, besser, cooler und klüger sein. Erst als ich plötzlich ein Ei aus der Luft zaubere, es verschwinden und wieder erscheinen lasse, werden sie wach. Glück gehabt. Jetzt interessieren sie sich für Körpersprache. Und ich habe kein schlechtes Gewissen, wenn ich ihnen ein paar Taschenspielertricks beibringe. Die kann man als Führungskraft immer wieder gebrauchen.

Die meisten Schüler kommen aus sehr armen Verhältnissen. Die Militärschule ist ihre einzige Hoffnung auf Bildung. In wie weit sie sich später von der Doktrin, die ihnen hier eingeimpft wird, befreien können, um vielleicht zu Führungskräften jenseits des Militärs zu wachsen, bleibt ungewiss.

 

 

Michael Moritz | info@michaelmoritz.net